Ilona Maria Hilliges


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Thriller über Voodoo

Die dunkle Macht

Inhalt

Im Leben von Elena Odermatt scheint alles nach Plan zu laufen. In Berlin macht sie Karriere als Unternehmensberaterin, vor kurzem hat sie ihre große Liebe, den Journalisten Manfred, geheiratet. Doch von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr, wie es war: Manfred stirbt nach der Rückkehr von einer Reportage in Afrika unter mysteriösen Umständen. Elena findet heraus, dass sein Tod mit einem geheimnisvollen Fetisch zusammenhängt. Einer kleinen Schachtel, in der sich mysteriöse Gegenstände befinden. Unter anderem ein Säckchen mit einem undefinierbaren Pulver. Manfreds Fundstück gehört offenbar einem Geheimbund. Ausgerechnet zu diesen Männern unterhält Elenas Chef intensive Geschäftskontakte: Es geht um ein Firmenprojekt in Westafrika. Überraschend erhält Elena das Angebot für jene Männer zu arbeiten. Hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung und Angst und dem Wunsch, Manfreds Tod zu rächen, fliegt Elena nach Afrika. Sie wird mit Tatsachen konfrontiert, die das Vorstellungsvermögen der analytisch denkenden Deutschen erheblich übersteigen ...


Ullstein Taschenbuchvlg.
ISBN: 3548257143
kartoniert - 429 Seiten

Die Originalausgabe erschien im April 2001 bei List
Restexemplare des Taschenbuchs (Ullstein-Verlag) können Sie hier bestellen
Eine Ausgabe als eBook ist in Vorbereitung


Pressestimmen:

Der Münchner Merkur entdeckt "etwas beklemmend Reales" und schreibt: "Ein höchst spannender Ethno-Thriller, in dem wirtschaftliche und politische Machtkämpfe mit unheimlichen Waffen ausgetragen werden ... Es ist aber auch die Geschichte der Karrierefrau, die zu sich selbst findet, und nicht zuletzt eine Liebesgeschichte."

3SAT meinte: "Hilliges, Autorin des Bestsellers Die weiße Hexe zeigt sich hier als Meisterin der Scharade und bringt die mysteriöse Geschichte zu einem rationalen Ende."

WDR 4 im "Buchtipp" von Sibylle Haseke: "Sie sollten dieses Buch lesen, weil es sehr interessant ist, wie wirtschaftliches Streben und geheimnisvoller Voodoo-Zauber in einem afrikanischen Land Hand in Hand gehen könnten. ... Die dunkle Macht ist wahnsinnig spannend und entführt mit prickelnder Gänsehaut in eine Welt jenseits unserer Vorstellungskraft."

TEXT ART 3/2001 gibt dem Stil des Buches 5 Punkte, der Originalität des Stoffes 5 Punkte und der Figurenzeichnung 4 Punkte: "Ein interessantes Buch, das Fiktion und Information über fremde Kulturen auf spannende Art verknüpft. Macht, Korruption und gewissenlose Geldgier werden von der Autorin in einen an Voodoo-Zauber erinnernden verbrecherischen Bund und in einer Beschreibung afrikanischer Bräuche spannend verpackt. Treffsicher setzt Hilliges Figuren ein, die die Fragen des Lesers beantworten."

Leseprobe
© Ilona Maria Hilliges


... Nach zehn Minuten, die Elena viel kürzer vorkamen, lichtete sich der dichte Wald und machte gelblich verdorrtem Grasland Platz, in dem einige riesige Bäume mit weit ausladenden Schirmen kaum Schatten boten. Runde Lehmhütten duckten sich verstreut dazwischen. Dünne, braune Ziegen liefen ein paar Schritte und legten sich gelangweilt auf die mageren Beine. Halbnackte Jungs und Mädchen mit kurzen, eingeölten Zöpfchen umringten die beiden Eindringlinge. Sie lachten, stießen sich an, als würden Elena und Robert wirklich geradewegs von den Sternen heruntergefallen sein auf diesen vergessenen Platz.
"Òyìnbó, òyìnbó!", riefen sie immer wieder. Es klang begeistert, aber auch so, als würden sie sich königlich amüsieren.
"Was sagen die?", fragte Elena.
"Weiße, Weiße!", knurrte Robert. "Sie finden, dass wir eine ungesunde Hautfarbe haben. Manchmal grölen sie auch ein Kinderlied." Robert machte es nach. Er stellte sich mitten zwischen den Kindern hin und begann zu singen: "Òyìnbó, òyìnbó, if ya eatin peppa mo` an` mo`, ya get yella mo` an` mo`!"
Elena verstand die Worte auf Pidgin-Englisch nicht, die sie nach und nach von allen Seiten umschwirrten: Die Kinder hatten Roberts Hände ergriffen, drehten sich mit ihm in der Mitte in einem Kreis um Elena, tanzten, lachten. Roberts Rucksack hüpfte auf seinem Rücken, die Schöße seines leichten Jacketts flogen. Er trug die Sonnenbrille trotzdem noch, legte aber den Kopf in den Nacken und ließ sich von dem unwirklich erscheinenden Moment tragen. Für einen Augenblick schien der Mann vom anderen Stern bei den halbnackten Kindern notgelandet zu sein.
Er ließ sich von einem der Jungen fortziehen. Mühsam versuchte Elena ihm zu folgen, was angesichts der Kinder, die vor ihren Füßen herumliefen, nicht so einfach war. Robert verschwand in einer Hütte, die sich äußerlich nicht von den anderen unterschied. Sie verfügte allerdings hinter einem aus Stöcken und Palmblättern geflochtenen, knapp meterhohen Zaun über einen vielleicht 400 Quadratmeter großen Vorplatz mit Feuerstelle. Die Kinder zupften an Elenas Kleid, größere Mädchen reckten sich, zogen sie an den Haaren, befühlten sie. Elena konnte sich des Ansturms nicht erwehren: Noch immer trug sie zwei Taschen aus dünnem Plastik, in denen sie den von Robert gekauften Schnaps und die Softdrinks mit sich führte. Sie befürchtete, das teure Gut würde sofort auf den hart gestampften Boden fallen und zerbrechen.
Sie stellte die Einkäufe neben eine rechteckige Vertiefung im Boden, neben der ein Steinquader lag, den die Reste einer Mahlzeit bedeckten. Ein paar dünne Hühner pickten Körner vom Boden. Neugierig trat Elena näher. Ihr Auge hatte sie getäuscht. Es waren Blut und Federn, daneben standen halb gefüllte Flaschen, wie jene, die Robert erstanden hatte, leere lagen herum. Direkt vor der Hütte entdeckte sie auf Tischen holzgeschnitzte Figuren, deren unterschiedlichste Körperstellen durch ihre Größe hervorgehoben worden waren. Die dunklen Gestalten starrten sie aus riesigen Augen blicklos an. Über ihnen hing das Skelett eines Widderkopfes mit mächtigen Hornschnecken. Obwohl sie sich darüber bewusst war, dass diese Figuren nichts als tote Materie darstellten, wirkten sie ausgesprochen lebendig. Elena stellte sich vor, die Flammen der nahen Feuerstelle würden flackern, die Holzfiguren zu leben beginnen.
Wenn sie hier als einzige anwesende Weiße gesagt bekäme, sie hätte nicht mehr lange zu leben, wie würde sie reagieren? War es nicht logisch, dass dieses Erlebnis Manfred beeindruckt hatte? Nahm die schreckliche Prophezeiung an sich schon den Lebensmut, wie Professor Stucker glaubte?
Das Gekicher der Kinder, die sie unverhohlen anstarrten, rief Elena in die Gegenwart zurück. Leben und Tod, kindliche Fröhlichkeit und mystische Magie - das existierte friedlich nebeneinander.
Elena machte ein paar Schritte zu den Holzfiguren, um sie aus der Nähe zu betrachten. Die größte von ihnen trug eine schwere Locke auf dem Kopf. Bei näherem Hinsehen stellte sie fest, dass es eine Schlange war, die sich um den mit einem dünnen roten Schmierfilm überzogenen Körper der Figur wand. Zu ihren Füßen ausgebreitet eine Ansammlung Kauris sowie eine Reihe rundgewaschener Steine, daneben eine verrostete Axt mit Doppelschneide. "Fassen Sie nichts an!", bellte Robert. Ihre Hand zuckte zurück wie die eines ertappten Kindes. Er stand bereits hinter ihr. "Das ist Omos Altar." Er deutete auf die Axt: "Das Zeichen seiner Autorität." Der Journalist nahm die Sache offensichtlich sehr ernst, die die Schwarzen hier betrieben. "Ich habe Omo gesagt, dass ich Sie mitgebracht habe. Er wird eine Zeremonie vorbereiten, die ..." Roberts Worte versiegten. Als tropften sie auf den warmen, trockenen Boden. Seine Augen hatten etwas erfasst, von dem Elena nicht wusste, was es war. Er schob die Sonnenbrille auf den Scheitel. Sie folgte seinem Blick.
Die Kinder umtanzten auf der Straße eine junge Frau, deren ganzer Körper in weißes Tuch gewickelt war. Selbst den Kopf verhüllte ein weißer Turban. Sie überragte die sie umgebenden Kinder gewiss um einen halben Meter. Die junge Frau hielt sich erstaunlich gerade, lief geradezu majestätisch langsam. Aber in ihren Bewegungen lag eine ungelenke Eckigkeit.
Robert tat einen kleinen Schritt, als ob er zögerte, dann setzte er die Füße immer schneller voreinander. Die letzten zehn Meter rannte er zu der Frau, als wollte er sie davon abhalten, irgendwohin zu gehen, wo ihr große Gefahr drohte. Er umfasste ihre Schultern, drehte sie behutsam zu sich herum. Die Frau ließ es geschehen. Ihre Arme pendelten kraftlos am Körper, der Kopf rollte zunächst in den Nacken und wackelte dann in absurder Kraftlosigkeit zwischen den Schultern hin und her. Die Kinder johlten. Mit brutaler Gewalt schubste Robert einen Jungen fort, der die ganze Zeit über mit einem langen spitzen Ast gegen die seltsame Frau gepiekt hatte. Der Junge stolperte, fing sich und lief laut grölend fort. Die anderen Kinder lachten um so lauter.
"Weg! Haut ab! Lasst sie! Seht ihr nicht! Sie ist krank! Dummköpfe! Bastarde!", schrie Robert auf Deutsch mit sich überschlagender Stimme. Sein Gesicht war rot, die Adern an seinem kräftigen Hals geschwollen. Der Wutausbruch zeigte Wirkung. Gleichwohl die Kinder Roberts Worte nicht verstehen konnten, war ihnen der Sinn sehr wohl klar geworden. Sie trollten sich mit gesenkten Köpfen. Nur ein paar größere blieben in sicherer Entfernung stehen und glotzten interessiert.
In enger Umklammerung hielt Robert die Frau an sich gedrückt. Sie stand jedoch da, als ginge sie die Umarmung nichts an. Leise und intensiv sprach Robert auf die Reglose ein, schüttelte sie immer wieder, was ihren Kopf in nickende Schwingung versetzte.
"Honey, ich bin es! Robert! Hörst du mich! Honey, bitte, sag etwas!"
Die weiße Frau schwieg. Noch einmal schüttelte Robert ihren Körper. Der Turban rutschte von ihrem kahlrasierten Kopf, das weiße Wickelkleid öffnete sich und entblößte die schlanken, langen Beine der Frau. Beine, die Manfred zwei Monate zuvor bewundert hatte. Stolz hatte die junge Frau sie in einem Minirock zur Schau gestellt.
Aber das war in einem anderen Leben gewesen - als denkender, fühlender Mensch. Voll Aufbegehren, Leidenschaft und Wissen.
"Funke! Bitte! Hör mich doch!", brüllte Robert. Aber Funke sah durch ihn hindurch. Roberts flache Hand klatschte zweimal ins Gesicht der jungen Frau, ihr Kopf flog wie ein Ball von einer Seite zur anderen. Erschrocken bedeckte Robert ihr ausdrucksloses Gesicht mit Küssen. Küsse, die Funke nicht spürte.
Sie war woanders. Sehr weit entfernt. In einer Welt, wo die äußeren Schmerzen des Körpers nicht mehr den Weg nach innen finden.
Ganz langsam gaben Roberts Knie nach. Sein großer, schwerer Körper glitt an der teilnahmslosen Frau herunter. Bis der Mann im grauen Anzug im Staub kniete. Er hatte den Kopf in groteskem Winkel zurückgelegt, die Brille glitt zu Boden. Er blickte zu Funke empor wie zu einer entrückten Madonna, die sein Leid nicht spürte und seine Pein mit keiner Geste linderte. Ihr Blick war in die Ferne gerichtet, ihr Geist im zeitlosen Nichts eingetaucht. Die Brücke aus Worten und Gefühlen zwischen dem gequälten Mann und der entrückten Gestalt, vor der er flehend kniete, war so aufgelöst wie die Einheit aus Raum und Zeit, die dem Alltag als selbstverständliche Grundlage für das Sein dient.
Mit der Entschlossenheit des Verzweifelten schlang Robert seine muskulösen Arme um den Unterleib der Frau, presste das Gesicht gegen ihren Schoß. So verharrte er, reglos, nur das Zucken, das von Roberts Schultern ausging und sich in seinen Armen fortsetzte, zeigte Elena den vergeblichen Kampf des Lebens mit seinem ständigen Begleiter Tod. Die vitale Energie war in diesem stummen Zweikampf von lächerlicher Kraftlosigkeit.
Elena ertappte sich dabei, dass sie selbst nur noch stumm gaffte. Sie sah einen großen Mann, der innerhalb von Minuten eine furchtbare Wandlung durchgemacht hatte. Von einem distanzierten kühlen Europäer zu einem hilflos weinenden Bündel. Niemals zuvor hatte sie das Bild der tiefsten Verzweiflung so deutlich gesehen. Robert, mit all seiner Kraft, in der Blüte seines Lebens, flehte eine lebensgroße weiße Puppe an, ein Mensch zu werden. ...


Brainstorm Berlin | peter@apls.de

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