Ilona Maria Hilliges


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Meine Initiation

Das verborgene Herz Afrikas

In Nigeria lernt Ilona Maria Hilliges einen faszinierenden Mann kennen. Vor ihrer Hochzeit fahren sie gemeinsam in das Dorf seines Vaters: Victor soll auf seine zukünftige Rolle als Clanchef vorbereitet werden. Doch die Stammesältesten stimmen einer Heirat nur unter einer Bedingung zu: Auch die weiße Frau muss sich dem Initiationsritus eines seit Jahrhunderten bestehenden Frauenkults unterziehen. Aus Liebe zu Victor lässt Ilona sich auf das Abenteuer ein und begibt sich in die Obhut der weisen Frauen vom Mammy Water Kult - tief verborgen im afrikanischen Regenwald. Ilona taucht ein in die verborgene Welt der magischen Rituale und erfährt, dass ein altes Orakel für Victor eine andere Frau vorhergesagt hat...
Doch Ilona bringt von der Zeit bei den weisen Frauen Erfahrungen mit, die ihr weiteres Leben nachhaltig prägen. Jahre später kehrt sie zurück und bittet um Erlaubnis über das Erlebte schreiben zu dürfen. "Wissen ist wie Wasser, das von einer Frau an die andere weiter gereicht wird", sagt ihre einstige Lehrerin Kome zu ihr. "Achte darauf, dass du es nicht verschüttest."

Ullstein-Tb Verlag, 334 Seiten,
zahlreiche Fotos
nur wenige Restexemplare vorhanden


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Pressestimmen

Stern: "Ilona Maria Hilliges entführt ihre Leser in die magische Welt der Göttinnen, Geister und Fetische. Ein Buch wie ein Abenteuerfilm!"

Braunschweiger Zeitung, 19. März 2001: "Wenn Ilona Maria Hilliges etwas erzählt, ist das meist spannend und humorvoll. Dabei entführt sie ihre Zuhörer in eine fremde Welt, in eine fremde Kultur. Ilona Maria Hilliges gelingt es sehr schnell, ihre Zuhörer in den Bann zu ziehen. Sie erzählt Geschichten, Abenteuer und Träume die ungewöhnlich, mystisch und magisch sind."

Berliner Morgenpost, 16. Januar 2001: "Ilona Maria Hilliges' Geschichte ist mehr als ungewöhnlich. Wer kann schon von sich behaupten, Einblicke in eine alte, geheime Tradition bekommen zu haben? Ilona Maria Hilliges lässt andere Menschen an dieser seltenen Erfahrung teilhaben."

Bild der Frau, 11. Dezember 2000: "'Glück und Tränen' - Auf den ersten Blick wirkt Ilona Maria Hilliges wie die 'Frau von nebenan'. Sympathisch, aber eher unauffällig. Doch dann beginnt sie zu erzählen. Von ihrer Zeit in Afrika. Von einem unglaublichen Leben..."

Goslarsche Zeitung, 9. Dezember 2000: "Wissen ist wie Wasser, das von einer Frau an die andere weiter gereicht wird. Der Abend war in zwei Teile aufgeteilt: in Lesung und Diskussion. Überraschenderweise gestaltete sich der letztere Teil besonders intensiv. Ilona Maria Hilliges gab gerne Antwort auf Fragen nach den persönlichen Erfahrungen und Verhältnissen in Afrika: 'Heute sehe ich alles mit offenen Augen und beobachte mit allen Sinnen. Das hat mir ein Gespür für Menschen gegeben.'

TOP International, Dr. Dieter Götze: "Das Buch müssten alle als Pflichtlektüre in die Hand bekommen, die Afrika immer noch ausschließlich durch die Brille des Westeuropäers sehen oder gar glauben, seine Zukunft liege in der Einführung westlicher Normen und Werte."

"Ilona Maria Hilliges ... bietet einen unterhaltsamen, um viel Verständnis bemühten Einblick in afrikanische Traditionen und deren Hintergründe." goethe.de, Website des Goethe-Instituts



Leseprobe
© by Ilona Maria Hilliges

... Im Dorf sprachen schon wieder die Trommeln, viele junge Mädchen tanzten bereits. Einige beendeten gerade ihr Essen, das aus einem graubraunen Brei bestand und trotzdem in meinem Magen eine enorme Begehrlichkeit weckte.
"Warum dürfen sie essen und ich nicht?", fragte ich Ifeoma.
"Die anderen sind schon viel länger da als du und haben den ersten_ schweren Teil der Initiation bereits hinter sich", sagte Ifeoma. "Es sind nur zwei da, die ebenfalls ganz neu gekommen sind. Sie sitzen dort drüben." Die beiden von Ifeoma bezeichneten waren keine Mädchen mehr, sondern Frauen jenseits der 30. "Du darfst nicht mit ihnen sprechen", ermahnte mich Ifeoma. "Du weißt, was Odame gesagt hat. Ich darf auch nur deshalb mit dir sprechen, weil Fara mich als deine Dienerin und Übersetzerin ins fathouse mitgeschickt hat."
"Weißt du etwas über die beiden anderen?" Als Antwort erntete ich nur Ifeomas mitleidvollen Blick - nicht einmal der Vergleich mit dem Schicksal der beiden anderen sollte mich ermutigen. Oder gar entmutigen?
Um Ajira hatten sich ihre Schülerinnen versammelt, die rhythmisch und abgehackt monotone, tiefe Gesänge murmelten. Ajira selbst zerstapfte in einem Steinmörser getrocknete Blätter und fügte gelegentlich etwas Getrocknetes, Durchscheinendes hinzu. Während der Kreis um Odame hinzutrat, erhoben sich die Mädchen. Ajira setzte ihre Arbeit konzentriert fort. Als nur ein kleines Fitzelchen von der getrockneten, harten Substanz übrig war, erkannte ich, um was es sich handelte: die Schlangenhaut vom Dschungelklo! Protest verbot sich von selbst; ich schwieg und sah den Rest der kostbaren Trophäe im Mörser zerbröseln.
"Die Schlange ist ein Zeichen, dass alles einen glücklichen Ausgang nehmen wird," sagte Ifeoma. "Der Geist der Luft wird dich beschützen." Wovor, das verriet sie mir wieder nicht, wohl aber, dass die Haut der Schlange für diesen Zweck ideal war. "Die Schlange, die du gefunden hast, hat in den Bäumen ihr Zuhause, deshalb lebt in ihr der Geist der Luft", sagte Ifeoma.
Im Prinzip hoffte ich jetzt nur noch eins: nicht auch noch diese Substanz essen zu müssen! Ganz verkehrt lag ich mit meiner Befürchtung nicht. Dieses Mal sollte mir eine Paste auf die Haut geschmiert werden. Sie entstand unter Hinzufügung von ein paar Spritzern frischem Opferblut, Palmwein und öligen Flüssigkeiten. Die Art der Kräuter, die darin enthalten waren, sind mir unbekannt geblieben - ihre Wirkung allerdings war nachhaltig: Das Zeug brannte von der ersten Sekunde an wie ein Bad aus Brennnesseln; sein Geruch, der ätherisch und leicht stechend war, nahm mir den Atem. Gleichzeitig erschien es mir, als leisteten die Mädchen an der Trommel Schwerstarbeit; aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass einige der Tänzerinnen ein rasendes Tempo vorlegten. Als die Schlangenhautmixtur meinen Körper komplett bedeckte, puderte mich Ajira mit Kaolin weiß ein - nicht einmal mein Gesicht verschonte sie dabei. Einen Spiegel hatte ich nicht zur Verfügung; wieder erkannt hätte ich mich ohnehin nicht.
Während ich zur Tanzfläche geführt wurde, setzte sich in mir der Gedanke fest: Ich trug die Haut einer Schlange, meiner grünen Schlange. Aus Ifeomas Worten schloss ich, dass es eine Baumnatter war. Das einpeitschende Getrommel verwandelte mich wohl in ein ziemlich wild zappelndes Wesen, eine Mischung aus durchgedrehtem weißen Menschen und sich häutendem Reptil.
Die Haut ist das größte Organ des Menschen und unter anderem zuständig für dessen Sauerstoffzufuhr. Nur: durch meine Haut drang entweder kein Sauerstoff mehr, weil sie von dem weißen Puder verkleistert oder mit der intensiv riechenden Kräuterpaste bestrichen war. Allerdings waren mir diese Details gleichgültig, denn mein Kopf hatte längst aufgehört zu arbeiten, meine Füße trieben meinen weißen Körper in rasanten Drehungen über den Tanzplatz, während sich alles um mich herum zu bewegen schien. Der gesamte compound verwandelte sich in meiner Einbildung in eine Versammlung von grinsenden, finsteren oder mich verhöhnenden Fratzen, selbst die hungrigen Flammen des offenen Feuers schienen nach mir zu greifen. Ich wich ihnen immer wieder aus. Bei einem Medizinmann war mir Monate zuvor schon einmal Ähnliches passiert - dabei war ich in Trance gefallen.
Mein Unterbewusstsein sehnte sich nach diesem Zustand, der Befreiung des Geistes vom nicht mehr durch den eigenen Willen beherrschbaren Körper. Ich hoffte, auf diese Weise entkommen zu können. Weg von diesem Feuer, das nicht nur neben mir, sondern auch auf meiner Haut brannte. So wahnsinnig ich auch tanzte, um die Flucht vor mir selbst antreten zu können ñ diesmal geriet ich nicht in Trance. Ich musste bleiben, diesen Feuertanz durchstehen, mich von den Dämonen treiben lassen, die ihre Freude am Spiel mit mir hatten. Ich war ihnen ausgeliefert, eingesperrt im Gefängnis meines eigenen Körpers. Ich, die noch nie Alkohol getrunken hatte, weil ich es hasste, nicht die Kontrolle behalten zu können, ausgerechnet ich wurde einem solchen Ritual unterzogen. Je mehr ich versuchte aus meiner Haut zu tanzen, desto mehr Angst bekam ich, nichts mehr steuern und kontrollieren zu können. Meine Angst steigerte sich zu Panik. Ich schien auf der Schwelle zwischen Leben und Tod zu tanzen.
Wenn ich gewusst hätte, dass es genau darum ging, um das Wandeln auf diesem dünnen Seil, das zwischen beidem gespannt ist. hätte ich weniger Angst gespürt? Oder gar mehr? Damals wusste ich ja nicht einmal um die einfache Symbolik der ganzen Sache: Dass die weiße Farbe auf meinem Körper das Symbol für den Tod war; dass in Afrika der Tod nicht für das Ende steht, sondern für Neubeginn. Ich befand mich bereits am Übergang in ein neues Leben. So wie die Schlange, deren abgestreifte Hülle ich auf meiner Haut trug. Die Psychodrogen, die über meine Haut in mein Blut eindrangen und meinen Kopf nach und nach immer mehr verwirrten, meinen Puls rasen ließen, machten mich zur Gefangenen des Augenblicks.
Immer größer wurde die Unruhe, die mich trieb, immer weiter entfernte ich mich vom Feuer und dem Tanzplatz. Unvermittelt stand Ajira vor mir, packte mich kurz, zischte mir etwas zu, das ich nicht verstand und ließ mich wieder los. Ich irrte durch die Frauen hindurch, als ob ich etwas suchte, das ich nicht finden konnte. Wo ich hintrat, wichen sie vor mir zurück, als fürchteten sie, der Funke meiner Raserei würde jeden Moment auf sie überspringen.
Es war dunkel dort draußen, pechschwarz, sobald ich den compound verließ. Der furiose Wirbel der Trommeln verfolgte mich, trieb mich vor sich her und gleichzeitig von sich fort. Die dumpfen Töne schienen in meinem Kopf zu sein, pochten gegen meine Schläfen, obwohl ich immer weiter fort stolperte, über Wurzeln fiel, mich wieder aufrappelte und weitereilte. Lediglich ein weißes Tuch trug ich um die Hüften. Zusammen mit der weißen Bemalung meines Körpers muss ich auf die mir unsichtbaren Bewohner des Waldes wie ein Gespenst gewirkt haben! Eines, das vor sich selbst davonlief. Ich rannte, immer weiter, keinen Gedanken daran verschwendend, dass ich irgendwie wieder zurückfinden müsste. Irgendwann hielt ich endlich inne, verharrte ganz still, reglos. Nur mein eigener gehetzter Atem war zu hören und ein dumpfes Pochen. Das jetzt allerdings nicht mehr von den Trommeln herrührte, sondern mein eigener Herzschlag war.
Wo war ich? Wie war ich hierher gekommen? Intensiv spürte ich den Boden unter meinen nackten Füßen und eine entsetzliche Leere in mir. Mein Rausch war verflogen, die Angst, die mich getrieben hatte, auch. Um sofort einer anderen Platz zu machen. Nie zuvor hatte ich erfahren, dass Orientierungslosigkeit so erschreckend sein kann. Ich konnte keinen Fixpunkt erkennen, nach dem ich mich hätte richten können. Keine Sterne waren zu sehen. Ich war so weit gelaufen und hatte nichts gefunden. Die absolute Leere. Schwärze ringsum. Mir blieb nichts als ich selbst. Ich fuhr mit den Händen über meine schweißnasse, weiß bemalte Haut, über den Wickelrock, der verdreckt und zerrissen war, meinen schwer atmenden Körper und starrte in meine bemalten, klebrigen Hände.
Bis hierhin war ich gekommen, war nicht ein einziges Mal gegen einen Baum geprallt. Wie war das möglich? Vor Stunden erst hatte ich mit den Mädchen Holz gesucht, hatte gesehen, wie dicht der Wald voller Büsche und Bäume stand. Mir fielen die warnenden Worte von Ifeoma ein, ja keine unbekannten Pflanzen zu berühren, ich erinnerte mich an all die seltsamen Figuren der Waldgeister im labyrinthischen Wald, an die vielen kleinen Gewässer, die das Gebiet durchzogen. Nicht einen Schritt wagte ich mehr zu tun, aus Angst eine schlafende Bestie zu wecken. Still verharrte ich. Ganz still. Und lauschte. Der Wald, den ich kannte, war voll Leben gewesen! Jetzt war nur Stille. Alles Leben um mich herum schien zu schlafen. Wenigstens die Trommeln mussten doch zu hören sein, sodass ich ihrem Klang hätte entgegenlaufen können! Alles schien aus Zeit und Raum herausgefallen zu sein.
Wie sollte hier eine Wassergöttin über mich wachen, mitten im Wald? Schritt für Schritt, die Arme weit ausgestreckt, bewegte ich mich im Zeitlupentempo vorwärts, bis ich endlich harte, rissige Rinde ertastete. Ich umarmte den Baum, diesen fühlbaren Beweis für die Existenz anderen Lebens. Nachdem ich mich überzeugt hatte, dass meine Hände nichts und niemanden berührten außer diesen Baum, untersuchten meine nackten Füße den Boden. Erst dann ließ ich mich langsam nieder. ...


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