Ilona Maria Hilliges


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Leseprobe

Sterne über Afrika

STERNE ÜBER AFRIKA

Deutsch-Ostafrika, im Usambaragebirge. Juli 1891.

Laut war die Nacht. Viel lauter, als ein zwölfjähriges Mädchen, das in der Millionenstadt Berlin aufgewachsen war, es vom Leben im Urwald erwartet hätte. Doch das Geräusch, das Amelie in dieser Nacht weckte, war fremd. Ein eigentümliches Rauschen erfüllte die Luft.
Amelie lag still unter dem Moskitonetz auf dem einfachen Bett aus Seilen und Palmblättern und lauschte in die afrikanische Nacht. In den Wänden der Hütte krabbelte Getier. Die weiten Flügel einer Fledermaus kratzten federleicht gegen das Dach aus Reisig und Bananenblättern. Von fern klangen die Rufe der Wächter, die sich an den Rändern der Maisfelder gegenseitig Mut machten; sie schoben Wache, um die Affen zu vertreiben, die im Schutz der Dunkelheit die Früchte des Feldes rauben wollten und bereit waren, ihre Beute mit langen Fangzähnen zu verteidigen.
Nur die Wände der Hütte, gerade so dick wie Amelies Unterarm, boten den Bewohnern Schutz vor dem Urwald.
Das klare Licht des Mondes bleichte den durchscheinenden Gazestoff der Gardinen. Auf der Kiste, die als Nachttisch diente, erzitterte das Wasser im Glas. Kurz darauf brachen ganz in der Nähe mit lautem Knacken Äste von den Bäumen.
Etwas Schweres schob sich durch das Dickicht und kam immer näher.
Hellwach blickte Amelie in das Bett neben sich; der blonde Haarschopf ihres älteren Bruders rührte sich nicht.
Ein lauter Trompetenstoß ließ das Mädchen zusammenfahren. Elefanten!
Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als Amelie sich aufsetzte, vorsichtig Netz und Vorhang hob und in die Finsternis hinaus starrte. Im hellen Licht des Mondes schwankten einige der skeletthaft dünnen Bäume am Rande des Urwalds. Die Elefanten schoben sich dicht an der Hütte vorbei, aber ihre Umrisse waren im Dickicht kaum zu erahnen.
Amelie setzte die Füße auf den kühlen Lehmboden und tastete sich zur Tür.
"Nein, Amelie, bleib hier! Das ist zu gefährlich!"
"Jetzt komm schon, Georg, die Elefanten dürfen nicht in die Plantage. Sie zertreten die Setzlinge!"
"Besser, als wenn sie dich zertrampeln. Du weißt, was Vater gesagt hat: Bleibt im Haus!"
Das Mädchen blickte angestrengt in die Nacht. Es musste eine Herde sein, die da in nicht allzu großer Entfernung bergauf lief. Große, schwere Tiere. Und dennoch nur schwarze Schatten.
Der einheimische Vorarbeiter Damasso hatte vor ein paar Tagen gesagt, dass die Elefanten kurz vor Einbruch der Dämmerung aus dem Tal herauf kämen, um sich in den oberhalb der Farm gelegenen, noch viel dichteren Urwald zurückzuziehen.
"Glaubst du, sie können unsere Hütte kaputt machen?", fragte sie leise.
"Dumme Frage. Natürlich. Aber warum sollten sie?" Die Stimme des zwei Jahre älteren Bruders klang mürrisch. "Schlaf jetzt."
Amelie umklammerte die Bambusstreben, die das Glas der Fenster ersetzten, aber weder Mäuse, Spinnen noch Schlangen aufhalten konnten. Draußen verklang das Knacken der Zweige. Das Mädchen sah auf das Wasserglas neben seinem Bett, das wie ein Seismograph das Nahen der Herde angekündigt hatte und nun deren Abzug signalisierte.
Sie kroch unter das Moskitonetz, sank zurück aufs Bett und starrte zur Decke, wo ein undeutlicher Schatten kopfüber am Längsbalken des Dachs hing. Vom Bett neben ihr hörte sie schon wieder gleichmäßiges Atmen. Wie machte Georg das nur? Wie konnte er schlafen, wenn die Nacht so unruhig war? Ihr selbst fielen tagsüber die Augen zu, sobald sie irgendwo einen Platz im Schatten fand. Am Tag konnte sie alle Gefahren erkennen, aber die Nächte waren schwarz und die Petroleumlampe durfte nicht brennen.
Amelie hatte längst verstanden, dass es nicht wegen des Ungeziefers war; dagegen gab es die Moskitonetze. Sondern wegen der Angst, die kam, wenn das künstliche Licht ausgedreht wurde. Deshalb hatte der Vater in diesen ersten Monaten des neuen Lebens in Afrika die Kinder zu Bett geschickt, wenn die Dunkelheit sich über die Farm legte. Aber der Vater kannte kein Mittel, um die Geräusche zum Schweigen zu bringen, die die Nacht lauter als den Tag erscheinen ließen.
Die von der Nachtfeuchtigkeit klamme Decke unters Kinn gezogen wartete das Mädchen auf die Rückkehr des Schlafs; es zitterte. Hier oben am Berg, in zwölfhundert Metern Höhe, betrug der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht zwanzig Grad: dreißig am Tag und zehn in der Nacht. Wieso wurde es in Afrika so kalt, wenn die Sonne hinter den Bergen unterging? Oder war es die Angst, die einen frieren ließ?
Vater und Mutter waren ein paar hundert Meter weiter entfernt zusammen mit Hanns im Eingeborenen-Hospital geblieben; der älteste Bruder, obwohl so viel robuster als sie und Georg, war als erster krank geworden. Durchfall und hohes Fieber. Ausgerechnet Hanns, der in Tanga die deutsche Schule besuchte und endlich für zwei Wochen Ferien heimgedurft hatte! Er war ihr so viel lieber als der schweigsame Georg, der immer noch so viel Heimweh hatte. Wenn Hanns die Elefanten gehört hätte - er wäre mit ihr hinausgegangen und hätte die Dickhäuter verfolgt. Hanns liebte Abenteuer; er war der erste gewesen, der sich von den drei Kindern der Freyers auf Afrika gefreut hatte.
Unruhig rollte Amelie sich zur Seite. Ihre Erinnerung entführte sie in die große Wohnung in der Lietzenburger Straße. Es war Abend, alles war voller Licht, die Mutter spielte Klavier, der Vater empfing in seinem Arbeitszimmer Besuch, das Kindermädchen bereitete in der Küche das Abendessen.
Der Hund bellte und wollte sich nicht beruhigen.
Das Mädchen riss die Augen auf. Das Bellen stammte nicht von Charlie, ihrem Fox-Terrier. Es war überall, da draußen, auf der anderen Seite der dünnen Wand.
Es waren die Affen, die mit ihren hohen, heiseren Stimmen Alarm schlugen.
Das hatten sie vor ein paar Wochen schon einmal getan. Damals war ein Leopard um die Hütten gestrichen. Für die Hundsaffen ein schlimmerer Feind als der Mensch, dem sie sich mit gefletschten Zähnen entgegen stellten. Der Leopard jedoch konnte ihnen in die Bäume folgen und den Müttern ihre Babys entreißen. Doch nicht nur sie fürchteten den Leoparden. Auch die Wächter in den Feldern warfen ihre Fackeln weg und rannten in ihre Häuser, sobald jemand chui! rief. Vor ein paar Wochen hatte der Vater das Gewehr aus der Kiste geholt und sich mutig auf die Suche nach chui, dem Leoparden gemacht. Im Ziegenstall hatte die gefleckte Katze gewütet, neun Zicklein bereits getötet, als der Vater ihr mit dem Gewehr im Anschlag gegenüber stand. Und am Mittag trocknete das edle Fell, in Salz- und Alaunlösung gewaschen, über Ästen in der Sonne. Respektvoll hatte Amelie vor dem Kopf des Räubers gestanden und die spitzen Fangzähne bewundert.
Das aufgeregte Gebell der Affen wurde leiser und Amelie schloss daraus, dass der Leopard weitergezogen war. Doch plötzlich zerriss ein Mark erschütternder Schrei die Stille.
Amelie fasste ihren Bruder unsanft an der Schulter. "Georg, Georg, wach auf! Da ruft jemand um Hilfe. Hörst du das nicht?"
"Wie soll ich was hören, wenn du so schreist?" Aber er setzte sich auf.
Wieder vernahmen sie einen Schrei. Die Kinder blickten sich an, die Augen vor Schreck geweitet. Und jetzt hörten sie den Alarmruf, mehrstimmig klang es von überall: "Chui, chui!"
"Wir müssen etwas unternehmen, Georg!", flüsterte Amelie aufgeregt.
"Was, zum Teufel, willst du denn machen? Der Leopard wird schon verschwinden, wenn die Schwarzen so einen Lärm machen."
Das Licht hinter den Vorhängen hatte den grauen Schleier der Dämmerung angenommen. Draußen schrieen Stimmen durcheinander, aufgeregt, besorgt, ängstlich. Amelie konnte nicht verstehen, was sie sagten. Sie redeten in einem der Dialekte der Bergstämme, die ihr bislang allesamt ein Rätsel waren. Amelie schwang die Beine aus dem Bett, riss dabei unvorsichtig das Moskitonetz herunter.
"Pass doch auf!", rügte der ältere Bruder.
Sie beachtete ihn nicht. In ihrem bodenlangen, grauen Nachthemd rannte sie zu der aus Reisig und Bananenblättern geflochtenen Tür, legte den als Riegel fungierenden Ast zur Seite und trat hinaus. Der Ausblick war wie jedes Mal überwältigend. Weit unter ihr lag die Steppe, in der Ferne deutete ein schwaches Rot bereits den Sonnenaufgang an.
Ein weiterer Schrei ertönte gellender als alle anderen. Kurz entschlossen machte das Mädchen kehrt, schlüpfte in die bereit stehenden Stiefel und öffnete zielstrebig die in der Ecke stehende Kiste.
"Das darfst du nicht!", schrie Georg. Er kroch unter dem Moskitonetz hervor. "Vater wird furchtbar ärgerlich, wenn du an seine Gewehre gehst."
Amelie umfasste den langen Lauf der Winchester 1886. "Du bist der Ältere, Georg, dann tu du es. Jemand muss einen Schuss abgeben, damit Vater uns hört. Sonst weiß er nicht, dass hier jemand in Gefahr ist."
"Du weißt nicht, was überhaupt los ist", erwiderte der Ältere und wich zurück, als er den entschlossenen Blick des Mädchens sah. Ihre blonden Locken waren wild zerzaust.
Das schwere Gewehr mit beiden Händen fest umklammert verließ Amelie die Hütte, um den Schreien entgegen zu gehen.
Die Winchester war stets geladen, aber Amelie hatte die Waffe nie zuvor berührt. Sie hatte jedoch bereits einige Male beobachtet, wie der Vater die erst vor der Abreise nach Afrika erstandene Waffe gereinigt und geölt hatte, hatte zugesehen, wie er den Hahn gespannt und geschossen hatte.
Ein lang gezogener Schrei, viel näher als zuvor, wies Amelie den Weg zur Hütte des Vorarbeiters Damasso und seiner Familie. Die vom Boden aufsteigende Feuchtigkeit verwischte die Umrisse der Hütten. Kein Mensch war zu sehen. Das Mädchen zitterte und wäre am liebsten zurückgekehrt hinter die dünne und dennoch Schutz bietende Wand der Hütte. Doch dort lauerte der triumphierende Blick des Bruders.
"Damasso? Wo bist du? Damasso?", fragte sie auf Kisuaheli in die neblige Stille.
"Lauf weg, bibi Amelie! Schnell! Chui ist in unserem Haus!"
In diesem Moment huschte der Leopard aus Damassos Hütte heraus; er trug etwas im Maul. Wie in einem Traum richtete Amelie das Gewehr auf den fliehenden Schatten, spannte den Hahn und zog den Abzug. Der unerwartet heftige Rückstoß des amerikanischen Gewehrs schmetterte das Mädchen zu Boden. ...

Auszug aus: STERNE ÜBER AFRIKA von Ilona Maria Hilliges
© Rowohlt Verlag, Hamburg


Ilona Maria Hilliges
STERNE ÜBER AFRIKA
Wunderlich-Verlag, 541 Seiten,
gebunden, Schutzumschlag
ISBN 978-3-8052-0846-8

oder als Taschenbuch

Ilona Maria Hilliges
STERNE ÜBER AFRIKA
Taschenbuch, € 8.95
Rowohlt,
ISBN 978-3-499-24628-9

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