Ilona Maria Hilliges


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Leseprobe

Die kleine Göttin

DIE KLEINE GÖTTIN
Auszug © Wunderlich Verlag

... Mir war durchaus klar, dass ich nie wieder die Gelegenheit zu einer derart ungewöhnlichen Erfahrung bekäme, wie Theodora sie mir bot. In der Versicherung hatten sie vor Jahren mal ein Outdoor-Training angeboten. Für das mittlere Management, um den Teamgeist zu schulen. Wir, das Fußvolk, hatten damals gelästert, dass uns ein gemeinsames Pizza-Essen beim Italiener oder ein Grillabend bei einem von uns bliebe, wenn wir eine ähnliche Erfahrung machen wollten. Doch nicht mal die halbe Abteilung ließ sich zum Pizza-Essen zusammentrommeln, geschweige denn, dass es je mit dem Grillen etwas geworden wäre. Worüber beklagte ich mich also? Andere Leute würden Schlange stehen, um Wildnis pur erleben zu dürfen. Aber das hier war nun mal nicht mein Ding - auch, wenn ich heute schön getöpfert hatte. Ich wollte Jasmin bei mir haben, eine heiße Dusche genießen und ein weiches Bett.
"Kannst du es vielleicht einrichten, dass ich für die Nacht so etwas wie ein Bett bekomme?", fragte ich.
Inzwischen war die Sonne untergegangen, ein letzter Rest Tageslicht versickerte zwischen Büschen und Bäumen. In meiner schlechten Stimmung erinnerte mich sogar das Zirpen der Grillen an eine verstimmte Säge. Und vom hellen Licht des Vollmondes war auch noch nichts zu sehen.
Theodora hob sich ein Bündel auf den Kopf und brach mit mir auf. Jeden Pfad durch die Dunkelheit schien sie zu kennen. Ich dagegen hatte überhaupt keine Orientierung und erschrak ständig wegen der "Wächterinnen", die überall standen. Nach einer Weile erreichten wir eine Stelle nahe dem Fluss. Sein leises Gurgeln klang unheimlich. Meine Tante bat mich, trockenes Holz zu sammeln, in der Dunkelheit keine einfache Aufgabe. Und vielleicht auch ein wenig gefährlich. Den Abhang, der sich so plötzlich vor meinen Füßen aufgetan hatte, würde ich wohl niemals vergessen. Ich versuchte mich mit ein wenig Sarkasmus zu trösten: Zumindest würde ich mitreden können, falls ich mal jemanden träfe, der ein Outdoor-Training absolviert hatte.
"Was deine Augen dir nicht verraten, erfassen deine übrigen Sinne", riet Theodora.
Anfangs fand ich ihren Hinweis recht eigenartig: Wann klaubt man schon in völliger Finsternis Zweige vom Waldboden, tastet sie ab und riecht zu guter Letzt auch noch daran, um Trockenes von Feuchtem unterscheiden zu können? Ich kam mir vor wie ein Hund. Vor allem irritierten mich die Geräusche im dunklen Irgendwo. Ununterbrochen raschelte, zirpte, quakte, flatterte und quiekte es. Alles nach Möglichkeit durcheinander. Nach einer Weile musste ich mir eingestehen: Theodora hatte Recht. Es war ein Fest für alle Sinne - wenn mir denn zum Feiern zumute gewesen wäre. Ich schwitzte, weil mein Puls raste. Und auch, weil die Nacht so warm war. Aber es gelang uns, einen ansehnlichen Stapel Holz aufzuschichten. Theodora entzündete ihn nur mit einem Ast, den sie zwischen den Händen rieb. Genau so, wie ich es schon mal im Fernsehen gesehen hatte. Da hatte es allerdings schneller funktioniert.
Im Schein der aufflackernden Flammen konnte ich erahnen, dass es kein schlechter Platz war, an dem wir die Nacht zubringen sollten. Unser Feuerchen brannte direkt vor einer Grube, die zur Hälfte von einem Felsvorsprung überragt wurde. Sofern nicht bereits irgendwelche Tierchen darin wohnten, würde man hier mit einigem guten Willen durchaus übernachten können. An ein Bett und eine Dusche wagte ich nicht mehr zu denken. Ich würde stinken wie ein Iltis, wenn ich Jasmin wieder unter die Nase trat. Falls ich überhaupt die Gelegenheit dazu hätte ...
Wir inspizierten die Halbhöhle mit zu Fackeln umfunktionierten brennenden Ästen und freuten uns, dass wir keine größeren Mitbewohner geweckt hatten. Zum Glück stellte sich heraus, dass sich in dem Bündel, das Theodora mitgenommen hatte, eine leichte Decke befand, auf der ich schlafen durfte. Sie selbst verschmähte solchen Luxus. Zumindest war das Erdreich weicher als der festgetretene Boden vor dem Haus der Mütter.
Weil ich die Höhle so sorgfältig inspiziert hatte, war mir ganz entgangen, dass sich die Lichtverhältnisse geändert hatten. Es war längst nicht mehr so stockdunkel wie zuvor. Der Himmel hatte unsere Nachttischlampe angeknipst!
"Hast du auch Lust auf ein Bad im Mondenschein?", fragte Theodora und deutete auf den Fluss, dem Frau Luna tausende kleiner Lichter aufgesetzt hatte.
Zuschauer würde es wohl nicht geben, von dem einen oder anderen Lungenfisch mal abgesehen. Ich konnte ein Mondbad zumindest mal ausprobieren, würde mich gewiss erfrischen. Und nicht zu vergessen: Es würde mir helfen, weibliche Energie zu tanken ...!
Der Weg zum Fluss war kurz, die überall herumliegenden Felsbrocken waren gut zu erkennen, und die Glühwürmchen sorgten für eine fast romantische Stimmung. Theodora legte ihren Umhang bereits sorgsam auf einen der Felsen.
"Nun komm schon, sei kein Frosch!", rief sie und zeigte mir im nächsten Moment, dass das Wasser ihr gerade mal bis zur Hälfte des Oberschenkels reichte. Genug, um sich langsam treiben zu lassen.
Ich schaute mich noch einmal zu unserem Feuer um und beschloss, es zu riskieren. Ich würde wieder zurückfinden. Also tat ich es meiner Tante nach. Das Wasser war so weich wie Seide. Ich ließ mich ein Stückchen treiben, hielt mich an Felsen fest und drehte mich auf den Rücken. Der warme Fluss streichelte meine Haut, während ich in die Unendlichkeit des sterngesprenkelten Himmels blickte. Ewig lag ich so, setzte mich dann hin und ließ den Fluss auf mich zufließen. Auf den kleinen Wellen und Strudeln tanzten Millionen Lichter, darüber schwebten die Glühwürmchen, und am Himmel leuchteten in unfassbarer Klarheit die Sterne. Es war, als ob ich in einer Sternenflut badete. ...

Ilona Maria Hilliges
DIE KLEINE GÖTTIN, ein Afrikaroman
Verlag: Wunderlich, 352 Seiten, € 19.95
gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN 9783805250054


Brainstorm Berlin | peter@apls.de

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