Ilona Maria Hilliges


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Leseprobe

Ein Kind Afrikas

EIN KIND AFRIKAS
Auszug
© Rowohlt Verlag

In der Nähe von Tabora, im April 1907

Der Himmel über der Savanne war noch mit Sternen gesprenkelt, doch ein glutrotes Leuchten entflammte bereits den Horizont im Osten. Die ersten Sonnenstrahlen brachen sich im flachen Schirm einer Akazie und umrissen ihre Konturen wie einen Scherenschnitt. Der Morgentau in den zarten Rispen der Gräser glitzerte mit der Helligkeit Millionen kleiner Diamanten. Es war so kalt, dass Amelie ihren Atem sah. Der Geruch feuchter Erde verband sich mit den würzigen Aromen unbekannter Sträucher in solcher Intensität, dass es fast schon schmerzte. Eine unvergleichliche Stille lag über dem Land und für einen Moment hatte Amelie das Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein. Von Minute zu Minute wurde die goldrote Sonne größer, das kupferfarbene Erdreich erglühte und ließ den Ort so friedlich wirken, als wäre er aus der Zeit gefallen. Kein Weg, kein Pfad sichtbar. Es sah aus, als gäbe es kein Fortkommen von dieser Hochebene mitten in Ostafrika. Und trotzdem war Amelie froh, wenigstens bis hierher gekommen zu sein.
Das heisere, durchdringende Rufen der Perlhühner, das sie aus unruhigem Schlaf gerissen hatte, erinnerte sie an die Aufgabe, die sie hatte. Aus dem Zelt hörte sie Gustavs gleichmäßigen Atem; endlich hatte er in den Schlaf gefunden. Sie konnte es wagen, ihn für eine Weile allein zu lassen. Mit klammen Fingern knöpfte Amelie die Türöffnung des Zeltes zu und umfasste den kühlen Stahl des Gewehrlaufs. Sie würde zurück sein, bevor die Sonne richtig am Himmel stand.
Amelie musste Erfolg haben an diesem Morgen; Gustav brauchte dringend ein Essen, das nicht aus Dosen kam und ihn zumindest ein wenig kräftigte. Und auch die Träger verlangten danach. Seit 18 Tagen waren sie mit ihnen vom Tanganjikasee marschiert, durch Regen und Überschwemmungen, Schlamm und Morast. Während einer Safari war die Jagd zwar im Allgemeinen keine Frauensache. Aber war es Frauensache, quer durch Afrika zu reisen? Durch ein kaum erschlossenes Land, in dem ausgetretene Karawanenstraßen die einzigen Pfade waren. Wo man an manchen Tagen zufrieden war, zehn Kilometer marschiert zu sein - während hunderte vor einem lagen.
Der sehnsüchtige Gedanke an ein Bad und ein warmes Essen erschien Amelie wie ein Frevel. Gustav hatte den dritten Tag in Folge hohes Fieber. Doch das Chinin, um seine Malaria zu bekämpfen, war in den Sümpfen feucht geworden. Amelie konnte im Grunde nur warten, bis der Fieberanfall vorüber ging. Und dann mussten sie weiter. So rasch wie möglich dorthin, wo die Sonne jetzt aufging.
Amelie schüttelte die Beklommenheit aus den bleischweren Gliedern und sah sich nach Jago um. Der schokobraune Deutsch Kurzhaar heftete die Nase auf den Boden, um wie in einem Buch die Botschaften zu lesen, die nur der empfindsame Spürsinn eines geübten Jagdhundes entschlüsseln konnte.
Man ging nicht allein auf die Pirsch, sie wusste es nur zu genau, brachte es jedoch nicht über das Herz die erschöpft schlafenden Männer zu wecken. Zu ungewiss erschien ihr der Erfolg ihres Vorhabens - das Gras stand höher als erwartet. Und eine gute Jägerin war sie noch nie gewesen. Doch was sollte schon geschehen? Jago würde sie rechtzeitig vor Gefahren warnen.
Ein Schwarm Perlhühner stieg kreischend auf. Dunkle Schatten vor einem glutroten Morgenhimmel. Amelie riss das Gewehr hoch und folgte mit dem Lauf ihrem Flug. Sie drückte ab - nichts geschah. Sie hatte die Waffe nicht entsichert und ärgerte sich über ihr Versagen; in der Wildnis durfte man nicht zimperlich sein.
Sie erreichte ein Gebiet, in dem sich bizarr geformte Termitenhaufen erhoben, gezackte Lehmtürme, von den Insekten mehrere Meter hoch erbaut. Wer wie Amelie jahrelang in Afrika gelebt hatte, kannte die Gefahr, die hier lauerte. In leeren Termitenhügeln wohnten Schlangen. Gewöhnlich mieden sie Menschen, verkrochen sich, sobald sie Schritte spürten. Man musste nur fest genug auftreten. Was nicht recht zu einer pirschenden Jägerin passen wollte.
Jago blieb stehen, nahm Witterung auf, sein Fell sträubte sich. Amelie hob das Gewehr, spannte vorsichtig den Hahn und folgte dem Blick des Hundes. Hinter zwei dicht beieinander stehenden Termitenhaufen entdeckte sie das Hinterteil eines Nashorns. Mit ihrem leichten Winchester-Gewehr würde sie gegen das urzeitliche Tier nichts ausrichten können. Mit angefeuchtetem Zeigefinger prüfte sie die Windrichtung und stellte entsetzt fest, dass sie den Wind im Rücken hatte.
"Jago, bei Fuß", sagte sie leise und der Hund kam zu ihr.
Schon schob sich der mächtige Schädel des Rhinozeros hinter den Termitenhaufen hervor. Das kurzsichtige Tier wandte den Kopf in ihre Richtung. Mit klopfendem Herzen verharrte die Jägerin reglos; der Riese würde sie nur angreifen, wenn er sich bedroht fühlte. Nach einigen Minuten trottete der Koloss desinteressiert fort, Amelie glaubte die Vibration des Erdbodens unter ihren Füßen zu spüren. Langsam drehte sie in die entgegengesetzte Richtung ab und erschrak: Mit lautem Geschrei stiegen die gesuchten Perlhühner direkt vor ihr auf. Sie riss das Gewehr hoch und schoss ohne Zögern. Wie ein Stein fiel einer der hübschen schwarzweiß getupften Vögel zu Boden; Jago apportierte.
Ein Perlhuhn - für ein Dutzend hungriger Träger ...
Mit einem Aufseufzen setzte Amelie ihren Weg fort. Kurz darauf hörte sie das Meckern von Ziegen, und ein lang gestrecktes, grünes Tal lag vor ihr. Einige runde, mit Stroh gedeckte Hütten bildeten ein kleines Dorf. Die Ziegen waren noch im Pferch, zwei Frauen brachen gerade auf, um Wasser zu holen. Eine Oase von Frieden und Fruchtbarkeit. Felder mit jungen Mais- und Hirsepflanzen, Äcker, auf denen Yam und Maniok angebaut waren. In einigen Monaten würde hier eine reiche Ernte eingefahren werden.
Mit dem Kauf von zwei Ziegen würde sich die Jagd erübrigen. Sie könnte Gustav in das schätzungsweise zwei Tagesmärsche entfernte Tabora bringen lassen, wo es Chinin zu kaufen gab.
Ganz so einfach war die Sache jedoch nicht - das Tal lag etwa hundert Meter tiefer und dazwischen befanden sich scharfkantige Felsen und unübersichtliche Sträucher. Der Abstieg war nicht ungefährlich. Und sie hatte keinen einzigen Heller bei sich, um zu bezahlen. Wer ging schon am Morgen mitten in Afrika mit Geld auf die Jagd? Sie musste zum Zeltlager zurückkehren, Träger und Geld oder besser noch Tauschware holen; ein kleiner Ballen Stoff war wohl noch übrig.
Jago bellte kurz und energisch, stellte sich aufmerksam vor sein Frauchen. Etwa zwanzig Schritte entfernt stand, wie aus dem Boden gewachsen, ein Mann. Er hielt einen Stecken in der Hand, der annähernd seine eigene Körpergröße hatte. Seine Kleidung bestand aus einem Schurz weiß-braunen Ziegenfells um die Hüften und einem weiteren schneeweißen Fell, das Nacken und Schultern bedeckte. Sein magerer Leib war mit Kalebassen, hohlen Flaschenkürbissen, behängt, auf dem Kopf trug er einen europäisch anmutenden Hut, im Mundwinkel hing eine nach unten gebogene Pfeife. Sein Gesicht glich einer Landschaft aus tausend kleinen und großen Falten. Auf seinem Rücken lag ein fast leerer Jutesack.
Amelie hatte wenig Hoffnung, dass der Fremde sie verstehen würde. Denn sie beherrschte nur die von der Küste stammende Umgangssprache Kisuaheli, die hier im Landesinneren von kaum jemandem gesprochen wurde. Dennoch wünschte sie einen guten Morgen und bedeutete Jago sich zu setzen.
Zu ihrer Überraschung erwiderte der Alte ihren Gruß und fragte sie freundlich auf Kisuaheli: "Was suchst du, bibi uleia?"
Seit einen Jahr reiste Amelie inzwischen durch Deutsch-Ostafrika. In dieser Zeit war sie zahllosen Einheimischen begegnet. Doch die Anrede Frau aus Europa hatte nur ein Mann benutzt, der ihr für immer unvergesslich bleiben würde. War es reiner Zufall, dass der eigentümliche Fremde sie ebenfalls bibi uleia nannte? Das war durchaus möglich, aber ihr Gefühl sagte ihr, dass es schon kein Zufall war, dass dieser Mann gerade jetzt auftauchte, wo sie seine Hilfe gebrauchte.
Amelie musterte den Alten genauer. Sein Gesicht sowie sein ganzer Körper war mit kleinen, nach einem bestimmten System geordneten, lange verheilten Hauteinritzungen geschmückt. Ein mganga, wie man die Heilkundigen auf Kisuaheli nannte. Diese frühe Stunde war vermutlich besonders geeignet, um medizinische Kräuter zu sammeln. Wahrscheinlich führte der mganga sie in den Kalebassen mit sich, die er am Körper trug.
"Ein Mann ist sehr krank. Ich brauche Medizin gegen Malaria", sagte Amelie.
Die Einheimischen kannten eine Arznei gegen Malaria, die Gustav möglicherweise helfen könnte. Das war ihr noch wichtiger als die Ziegen unten im Tal.
"Wir liefen tagelang durch die Sümpfe des Mlagarassi. Wasser kam in die Behälter mit der Medizin. Sie ist verdorben."
"Das ist sehr schlecht", antwortete der Alte.
In dem Sack auf seinem Rücken registrierte Amelie eine leichte Bewegung. Perlhühner konnten es nicht sein, sie würden versuchen zu flattern. Doch diese Beute hielt sich ruhig. Amelies Blick fiel auf den Stock, der sich am Ende gabelte.
"Welche Schlangen fingst du heute schon?", fragte sie aufs Geratewohl.
Der Alte hockte sich hin. Vorsichtig öffnete er den Sack und gewährte Amelie den Blick auf zwei Schlangenleiber, die sich ineinander wanden. Das eine Reptil war unauffällig grau, das andere grün. Jetzt entknoteten sie ihre Leiber und ihre schlanken Köpfe richteten sich auf. Ein blitzschnelles Zustoßen des Kopfes und man war verloren - das Gift der Schwarzen und der Grünen Mamba war tödlich für Menschen. Amelie war zwar außer Reichweite, nicht jedoch der Afrikaner. Ohne Hast schob er die zweigeteilte Spitze seines Stocks so geschickt über die Köpfe der Tiere, dass keines der Reptile zubiss und dabei kostbares Gift vergeudete.
"Du bist ein weiser Mann, denn du fängst die Schlangen und machst Medizin aus ihrem Gift", sagte Amelie.
"Woher weißt du das?"
"Ich traf einmal einen mganga, der es mir zeigte."
Der Alte lächelte; er hatte kaum noch einen Zahn im Mund. Er schien überaus erfreut zu sein. "Du bist die bibi dactari mit den Haaren wie Gold. Du bist die, die in Udjidji war. Ich hörte von dir."
Offensichtlich hatte er eine Menge über sie gehört. Nannte sie Frau Doktor, wusste, dass ihre unter dem Tropenhelm verborgenen Haare hellblond waren und dass sie am Tanganjikasee gewesen war. Und dafür konnte es eigentlich nur einen Grund geben.
Während ihrer Expedition an den Tanganjikasee hatte Amelie einen Heiler kennen gelernt, der Schlangen nicht nur als heilige Tiere verehrte, sondern auch mit ihrem Gift heilte. Mit diesem uralten Wissen hatte Kassei ihr das Leben gerettet. Viel hatte er ihr nicht über sich verraten, doch immerhin genug, dass Amelie seitdem wusste, dass es einen Geheimbund gab, dem die so genannten Schlangenmänner angehörten. Als Kassei ihr gesagt hatte, dass sie künftig "unter dem Schutz der Schlange" stünde, hatte sie sich nicht vorstellen können, wie das in der unendlich scheinenden Weite Ostafrikas möglich sein sollte. "Ich gebe dir die Medizin, die du brauchst", sagte der mganga.
Er verschloss den Sack mit den beiden Schlangen, löste eine der Kalebassen von seinem Körper und reichte sie ihr.
"Weißt du, welche Menge du geben musst?"
"Kassei lehrte es mich", erwiderte sie.
Der Heilkundige nickte. "Sage mir, wohin du gehst."
"Nach Tabora."
Sie zögerte. Um noch einen Gefallen zu bitten, erschien ihr unverschämt. Doch sie hatte keine Wahl.
"Meine Männer haben nichts mehr zu essen. Ich wollte unten im Dorf Ziegen kaufen."
"Warte, was geschieht." Der Alte warf sich den Sack über die Schulter, ergriff seinen Stock. Nach wenigen Augenblicken war er zwischen den Termitentürmen verschwunden. Er hatte ihr nicht einmal die Gelegenheit gegeben sich zu bedanken. Früher hätte sie das verstört. Doch während sie nun mit Jago zum Lagerplatz zurückging, wusste sie nicht nur, dass Hilfe unterwegs war. Sondern auch, dass irgendwann der Zeitpunkt käme, sich dafür zu bedanken. Allerdings nicht mit Worten, sondern mit ihren Kenntnissen als Ärztin.
Die Schlangenmänner würden sie finden. Sie musste nur warten, bis es so weit wäre.
...



Ilona Maria Hilliges
EIN KIND AFRIKAS
Rowohlt Verlag, 432 Seiten,
mit Karte, € 9,95
ISBN 978-3499248375




Brainstorm Berlin | peter@apls.de

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