Ilona Maria Hilliges


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Lebenshilferatgeber

Mit den Augen der Leopardin

Das Leben gleicht einer stetigen Auseinandersetzung. Einem Kampf, der Kraft kostet. Woher aber diese Kraft nehmen? Ilona Maria Hilliges greift eine Frage auf, die sich jedem Menschen früher oder später stellt.
Bei ihr war es eine persönliche Krise, die sie dazu zwang, ihr Leben umzustellen: Als Autorin und Mutter doppelt gefordert, wurde bei ihr obendrein eine chronische Erkrankung diagnostiziert.
"Ich lag lange wach und grübelte, was ich tun könne", sagt Ilona. "In diesen Nächten rief mein Gedächtnis Bilder wach aus einer Zeit, die fast 20 Jahre zurück lag. Damals hatte ich im westafrikanischen Regenwald eine Einweihung in die Bräuche eines geheimen Frauenkults erlebt. Dort im Regenwald stieß ich auf eine Leopardin. Dieses Krafttier wurde in meiner Erinnerung so lebendig, dass es zu mir zu sprechen schien. Die Leopardin wurde mein Alter Ego. Wir unterhielten uns. Meine Intuition begann mir den Weg zu weisen, wie ich die Krise, in der ich mich befand, meistern konnte." Von ihrer Selbsthilfegruppe ermutigt, schrieb sie darüber ihr persönlichstes Buch.
Zentraler Punkt ist „Der Kreis der Stärke": "Stärke findet man, indem man sich bewusst ist, an welchem Punkt man sich befindet. Dass man nicht verzweifelt, wenn es mal schlecht läuft. Sondern sich sagt: Das ist eine Phase des Leidens. Da muss ich durch. Schließlich geht die Sonne auch jeden Tag unter. Und am nächsten Morgen wieder auf. Selbst, wenn es ein nebliger Morgen ist. Oder ein verregneter. Nichts bleibt für immer wie es ist.“

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Leseprobe
© Ilona Maria Hilliges

... Ich bin dir gefolgt auf dem Weg durch dein karges neues Revier, sagte ich zur Leopardin. Aber du musst zugeben, dass es recht unwirtlich darin ist.
Meine Verbündete streckte sich auf ihrem Dornenkissen aus. Die Sonne stand nicht mehr so hoch, die Mittagshitze war gegangen. Auf dem Fell der Leopardin zeichnete das Spiel aus Licht und Schatten, das die schmalen Blätter der Akazie darauf warfen, die elegante Musterung ihres Pelzes nach. Sie schien sich an ihrem Platz behaglich zu fühlen und meine Anwesenheit darüber völlig vergessen zu haben.
Du bist sehr schweigsam, sagte ich. Hast du keine weitere Lektion, die du mich lehren willst?
Sie putzte ausgiebig ihr Fell, was ich als Zeichen verstand, dass sie nicht mehr ruhen wollte. Sie hielt kurz inne und musterte mich mit ihrem plötzlich wieder sehr wachsamen Blick. Dann fragte sie: Wie geht es dir?
Ich musste unwillkürlichen lachen und antwortete spontan: Was ist das für eine Frage! Wie soll es mir schon gehen! Mein Körper schmerzt. Diese Krankheit scheint mir an manchen Tagen sämtliche Energie rauben zu wollen. Aber ich habe dich nicht gerufen, um mich zu beklagen, sondern, weil ich etwas von dir lernen will!
Während meine Traum-Verbündete von ihrem Baum stieg, meinte sie: Erschrecke nicht, wenn ich dir jetzt ganz nah komme.
Sie legte sich zu meinen Füßen. Ich fühlte ihr sonnenwarmes Fell und spürte ihren heißen Atem dicht neben mir.
Lehn dich an mich, forderte sie mich auf, bette deinen Kopf auf meine Flanke.
Ich zögerte einen Moment; ihre Ansinnen erinnerte mich an eine Dressurnummer im Zirkus. Es gab nur einen Unterschied: Hier folgte ich dem Willen der Großkatze. Ich kam mir dabei etwas dumm vor und mein Nacken schmerzte.
Du machst es falsch, sagte die Leopardin.
Wie ist es denn richtig?
Finde es selbst heraus.
Ich begann mich zu drehen und zu wälzen, bis ich eine Position gefunden hatte, die mir behagte. So blieb ich entspannt liegen.
Was hörst du?, fragte die Leopardin.
Dein Herz, es schlägt gleichmäßig.
Meine Traumpartnerin blieb hartnäckig: Was noch?
Deinen Atem.
Bleib so liegen, hörte ich sie sagen.
Ich wollte sie nicht beleidigen, rührte mich nicht, schloss meine Augen und lauschte auf das gleichmäßige Schlagen ihres Herzens und den Rhythmus ihrer Atmung.
Während ich so ruhte, meldete sich eine Frauenstimme zu Wort. „Atme gleichmäßig ein und aus“, riet sie. „Die Luft, die du einatmest, gibt dir Kraft. Sie geht in deine Lungen hinein und wieder hinaus. Sie reinigt deine Gedanken.“
Nicht weit von mir entfernt sah ich Ajira. Mit beiden Beinen stand sie fest auf einer kleinen Lichtung, das Gesicht der Sonne zugewandt. Sie warf die Arme hoch und senkte sie wieder. Der Anblick erinnerte an eine besondere Art des Gebets. Indem ich näher hinsah, entdeckte ich eine bleiche weiße Frau neben Ajira, die dem Beispiel der Priesterin folgte.
Nachdem beide ihre Übung beendet hatten, kam die Weiße zu mir. Ich erkannte mich wieder, nur 20 Jahre jünger. In einer Art, wie Ajira gesprochen hatte, sagte ich:
"Es ist der Wind, der die Pollen der Blüten vor sich hertreibt und für den Fortbestand der Natur sorgt. Der gleiche Wind schwillt zum Sturm, drückt die reife Ernte auf den Getreidehalmen platt und bringt die Menschen um ihre Nahrung. Er peitscht die Meere auf, die das Land überschwemmen. Es ist aber auch der Wind, der die reifen Früchte zu Boden fallen lässt, damit neue Keimlinge entstehen, die zu großen Bäumen werden können. Die Luft treibt das große Rad des Vergehens und Werdens an. Du trägst die Luft in dir als den göttlichen Atem, ohne den du nicht weiterleben kannst.“
Nun trat Ajira neben mein jugendliches Alter Ego: „Die Erde weint, wenn der Sturm die Bäume ausreißt. Doch die Bäume verlieren dabei ihre Samenfrüchte und so sät selbst der Sturm neue Bäume.“
Ajira, sagte ich, es geht mir nicht gut. Dein Vergleich mag stimmen, doch was hilft er mir?
„Die Erde nimmt die jungen Samenfrüchte auf und lässt aus ihnen Bäume wachsen. So ist auch dein Leben. Wenn du entwurzelt zu Boden gestürzt bist, so fange an genau jener Stelle wieder an, auf die du gefallen bist. Der alte Baum wird nicht mehr aufstehen, aber er ist nur ein Teil von allem. Der Wind, der durch ihn hindurch gegangen ist, hat das Leben nicht beendet. Er hat es verändert“, erklärte die Priesterin, übersetzt durch die Stimme meines jungen, kraftvollen Ich.
Ajira ging mit ihrer Schülerin fort, um sie eine andere Übung zu lehren. Bleibt, rief ich und sprang auf.
Geht es dir besser?, fragte nun die Stimme der wartenden Leopardin.
Danke, antwortete ich, es hat gut getan, deine Ruhe zu spüren.
Die Leopardin meines Traums schien mit meiner Wandlung zufrieden: Schön, dass du bereit bist zu einem neuerlichen Ausflug in mein Reich.
Wohin gehen wir diesmal?, wollte ich wissen.
Du bewunderst das Spiel von Licht und Schatten auf meinem Fell, sagte sie. Ich zeige dir einen Teil meines Lebens, der so ist wie der Gegensatz, den du magst und gleichzeitig fürchtest, wenn sich dein Leben so verhält.
Das klingt sehr rätselhaft!
Du wirst verstehen, was ich meine, wenn du meiner Geschichte gelauscht hast, erklärte die Leopardin entschieden. ...


Brainstorm Berlin | peter@apls.de

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