Ilona Maria Hilliges


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Der große Kenia Roman

Auf den Schwingen des Marabu





"Auf den Schwingen des Marabu" erzählt die Geschichte von Hanna, die sich in Kenia auf die Suche nach ihrem zehnjährigen Adoptivsohn macht: Die Deutsche hält ihre Ehe mit dem Kenianer Mike für glücklich. Doch dann fliegt ihr Mann mit dem zehnjährigen Ken nach Afrika - und kommt nicht zurück. Um die beiden zu finden, begibt sich Hanna in Kenia auf eine gefährliche Odyssee. Sie entdeckt, dass Mike in seiner Heimat eine geheimnisvolle Aufgabe zu erfüllen hat: Das Urteil seiner Ahnen bestimmte ihn zum Mganga - zum Seher und Heiler seines Dorfs. Doch von Ken, der sich in dem ihm fremden Land nicht auskennt, findet sie keine Spur. Auf sich gestellt sucht die Deutsche in dem fremden Land nach ihrem schutzlosen Sohn. Sie trifft auf eine undurchsichtige Frau aus Mikes Vergangenheit. Für Hanna beginnt ein fast aussichtslos erscheinendes Ringen um Ken - und um ihr eigenes Glück.

352 Seiten - Ullstein Taschenbuch,
ISBN: 354868033X

Die Originalausgabe erschien im Juni 2002 bei List,
Restexemplare des Taschenbuchs (Ullstein-Verlag) können Sie hier bestellen

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Leseprobe
© Ilona Maria Hilliges

... Das Meer ruhte an diesem Morgen spiegelglatt. Das Wasser hatte sich weit zurückgezogen und den braunen Korallenboden freigelegt. Am Horizont brachen sich die Wellen in langer Gischtkrone am vorgelagerten Riff, das nicht nur die Haie von den Stränden fernhielt, sondern auch die gefährliche Unterströmung des Indischen Ozeans. Ken schlug übermütig ein Rad, rannte mit weit ausgebreiteten Armen über den feinen, weißen Sand, als wollte er die ganze Welt umarmen.
Mike beobachtete seinen Sohn fasziniert: Mit welchem Überschwang das ans Stadtleben gewöhnte Kind die Weite des Strandes genoss! Mikes leise Zweifel, die immer wieder in ihm über diese Reise aufgekommen waren, fegte die Begeisterung des Kindes fort. Sie ließ ihn die offenkundigen Finanzprobleme des Bruders vergessen, die ungeklärte Frage, wo sie die nächsten Nächte verbringen würden und selbst den einsamen letzten Weg Papa Kadenges. Es ging um Ken -- einen Zehn-Jährigen sollten die Sorgen der Erwachsenen nicht belasten.
Mike fand, dass er dem Jungen diese Unbeschwertheit schuldete, spielte mit ihm Fangen, bis Ken sich glücklich lachend in den Sand fallen ließ. Ken schloss genießerisch die Augen und ließ die Sonne sein Gesicht bescheinen.
„Papa, hier ist es schön“, sagte der Junge schlicht.
„Ja, Ken, das ist es.“ Kleine Holzboote, mit denen Touristen bis zum Riff gebracht wurden, wobei sie durch Glasluken die Meereswelt beobachten konnten, dümpelten müde auf den seichten Wellen. Jetzt, im kenianischen Winter, war der Strand nicht so voller Menschen wie um die Weihnachtszeit. Ein paar Einheimische, mit Schnitzereien in der Hand, liefen an Mike und Ken vorbei. Sie beachteten die beiden nicht, hielten sie für Kenianer, mit denen keine Geschäfte zu machen waren. Damals, als Mike zum letzten Mal an diesem Strand gewesen war, war er einer von diesen beachboys gewesen, die vom Geld der Touristen lebten. Er schüttelte den Kopf, als müsste er die Erinnerung verscheuchen, die sich wie ein ungebetener Begleiter neben ihn in den Sand setzte.
Ken tobte an der Wasserlinie entlang, bückte sich nach den vielen Muscheln und den blasslila Seeschnecken. Aufgeregt zeigte er Mike eine der Kauris: „Sieh mal, daraus hat Großvater meinen Talisman gemacht.“
„Komm, ich zeig dir, was es sonst noch zu entdecken gibt!“ Hand in Hand liefen Vater und Sohn über die Korallenbänke. Mike drehte einen großen Krebs auf den Rücken, der mit den Scheren klapperte. „Hör mal, er macht Musik. Wie ein Trommler.“
Mike geleitete den Jungen durch diesen Kosmos, der bei Flut anderthalb Meter unter der Wasseroberfläche lag und nun nur darauf wartete, entdeckt zu werden. Nichts hatte Mike vergessen, kein einziges Versteck, an dem sich das Getier vor dem Zugriff der Menschen sicher wähnte. Gefüllt mit Muscheln und Schnecken beulte sich Kens weißes T-Shirt wie der nach außen gestülpte Bauch eines dicken Mannes.
„Was gefunden?“ Die mit ihrem Safariverlauf unzufriedene Berliner Familie Seifert hatte die beiden ausgemacht; Mike und Ken hatten fast das andere Ende des Strands erreicht.
Ken präsentierte seine angehäuften Schätze voller Stolz. „Papa, zeigst du Sebastian die Seegurken?“, bat Ken.
Mike konnte ihm diesen Wunsch unmöglich abschlagen, obwohl er in diesem Augenblick mit dem auf alle Ewigkeit geschulten Auge des wachsamen beachboys die beiden dicken Afrikaner ausmachte: Die zivil gekleideten Strandpolizisten stachen aus den Strandurlaubern schon wegen ihrer Wollpullover und langen Hosen hervor. Sie blickten wachsam zu Mike herüber. Auch, um die ohnehin nur mühsam besänftigten deutschen Urlauber nicht zu beleidigen, musste Mike seine ungeliebte frühere Rolle wieder annehmen. Er konnte nur hoffen, dass die Strandpolizisten ein lohnenderes Ziel als ihn entdecken würden, das sie abkassieren konnten.
Er führte Ken und die drei Deutschen wie ein routinierter Ortskundiger über die Korallenbänke, entdeckte Seeschlangen und sogar eine seltene, blank gewaschene Leopardenkauri, groß wie eine Kinderfaust. Ein echtes Schmuckstück. Bei der Rückkehr an den Strand erwarteten die Strandpolizisten Mike bereits. Sie redeten ihn in der Behördensprache Suaheli an, verlangten eine Lizenz zu sehen, die Mike natürlich nicht besaß.
Sie ließen ihn mit dem Versprechen laufen, sich nicht mehr am Strand blicken zu lassen. Es war ein Vorgang, der im Grunde keiner Erwähnung wert gewesen wäre. Der Mike dennoch mehr schmerzte, als er sich anmerken lassen wollte. Denn er dachte, dass er soeben das Wettrennen gegen die eigene Vergangenheit verloren hatte.
Ken sah ihn verständnislos an. „Was wollten die Männer, Papa?“
Mikes nüchterne Worten umrissen die eigene, vor zehn Jahre abgelegte Existenz als beachboy: „Es gibt hier Menschen, die davon leben, dass sie den Urlaubern das zeigen, was ich euch gezeigt habe. Dafür bekommen sie Geld. Es ist ihre Arbeit, weil sie sonst keine finden. Die Strandpolizei erlaubt es ihnen nur, wenn sie dafür Geld bezahlen.“
„Sie müssen etwas bezahlen, damit sie den Urlaubern Muscheln zeigen dürfen?,“ fragte Ken überrascht.
„Vor allem kommen sie sonst ins Gefängnis.“ Er sagte nicht, dass er damit von Vince sprach, den er zwei Mal freikaufen musste, und dass es Monate geduldiger Arbeit gedauert hatte, um das dafür geliehene Geld abzubezahlen.
Die Seiferts teilten Kens Empörung, aber Mike erklärte ihnen ruhig, dass dieser Strand den Urlaubern vorbehalten war. „So sind nun mal die Regeln.“ Das klang nicht so sehr resigniert, als nach der Abgeklärtheit eines Mannes, der sich mit bemühtem Verständnis für die Verhältnisse wappnete. Innerlich aber war er wütend, ein System verteidigen zu müssen, das er ablehnte. Für Mike konnte es nach dieser Erfahrung nur eine Lösung geben -- den Strand zu meiden. Er war für ihn ohnehin nie ein Ort des Vergnügens, sondern des Broterwerbs gewesen. Und diese Zeit lang hinter ihm.
„Dann kommst du eben zu uns an den Pool“, schlug Frau Seifert Ken vor. „Da hat die Strandpolizei nichts zu sagen.“ Sie machten einen Zeitpunkt für den nächsten Tag aus. Ken sollte an der Hotelschranke auf der Straßenseite warten, man würde ihn abholen.
Seiferts wohnten in einem der Hotels, die an diesem Ende des Strands dicht gedrängt standen. Es befand sich in direkter Nachbarschaft jenes dreigeschossigen, zu jener Zeit neu errichteten Komplexes, in dem Hanna Urlaub gemacht hatte, als Mike sie kennen gelernt hatte. Gemeinsam mit Ken kletterte er nun nicht weit entfernt von der Stelle über die steilen Felsen nach oben, wo Mike Hanna das erste Mal getroffen hatte. Mike erkannte sogar die genaue Stelle wieder, an der er gesessen hatte, als er an jenem Abend Hanna aus dem Meer kommen sah, wo sie gebadet hatte.
Er war jetzt nicht in der Stimmung, dem Kind neben sich diesen unvergesslichen Augenblick zu schildern, der die Veränderung seins Lebens nach sich zog. Denn er hätte zu viel über den Grund seiner damaligen Anwesenheit verraten müssen. Was nichts anderes bedeutet hätte, als dem Zehn-Jährigen zu erklären, dass er ein beachboy gewesen war, der am Strand harmlose, aber illegale Geschäfte betrieb.
Gemeinsam blickten sie auf den zwei Meter tiefer liegenden, so verlockend hellen Sand. „Gehört denn das ganze Meer den Hotels?“, fragte Ken.
„Nur der Zugang dazu. Doch wir sind ja auch nicht wegen des Strandes hier, sondern wegen Großvater“, sagte Mike leichthin. Er las in Kens Gesicht, dass der Junge das ganz anders sah. Und er hoffte, dass Ken seinerseits nicht ihm anmerkte, dass die Reise in die Vergangenheit nicht die damals offen gebliebenen Fragen beantwortete. Mike konnte das System, das ihn in der eigenen Heimat zum untergeordneten Strandjungen verurteilt hatte, nicht rechtfertigen. Die Ablehnung dieses Unrechts war einer der Gründe, warum er seinem Sohn nicht das Gefühl geben konnte, dass dies seine wahre Heimat sei. Während sie zu Vince` Büro liefen, vorbei an den gut gesicherten Hotelanlangen, dachte Mike, dass er sein Zuhause in Deutschland gefunden hatte. Dort, wo Hanna lebte.
Er machte keinen weiteren Versuch, Ken das Land von Papa Kadenge mit dessen Augen zu zeigen. Denn Mike wusste nicht, wie er das nach so vielen Jahren noch bewerkstelligen konnte. In Wahrheit hatte er Heimweh nach Deutschland, wo er zum ersten Mal in seinem Leben eine echte Chance bekommen hatte. Und er suchte eine Antwort auf die Frage, warum er Ken überhaupt mitgenommen hatte. Doch er konnte sie nicht finden, denn die Absicht Ken an seine afrikanischen Wurzeln heranzuführen, schien gründlich fehlzuschlagen. ...





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