Ilona Maria Hilliges


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Das aufregende Leben Amelie von Freyers

Sterne über Afrika


1879 wird ein Mädchen im Berliner Arbeiterbezirk Wedding in einfachste Verhältnisse hinein geboren. Hinterhof, ein dunkel-feuchtes Zimmer im Keller, kein Tageslicht. Viele hungrige Münder, ein überforderter Vater, eine Mutter, die als Näherin versucht die Familie durchzubringen. Die kleine Amalia Patzkopp hat im Grunde keine Chance. Doch dann ändert sich ihr Leben Schlag auf Schlag.
Im März 1885 stirbt die Mutter im Kindsbett. Amalia hockt allein gelassen in dem trüben Raum, eine Frau findet sie am nächsten Tag. Sie soll Wäsche abholen, die Amalias Mutter für ihre Herrschaft repariert hatte.

Damit tritt Charlotte von Freyer in das Leben der verschreckten sechsjährigen Vollwaise Amalia. Charlotte hat selbst zwei Söhne, Hanns (damals zehn) und sein ein Jahr jüngeren Bruder Georg. Doch Charlotte von Freyer hatte sich schon immer ein Mädchen gewünscht. Eines wie die kleine Amalia, der die Natur einen blonden Lockenkopf, große blaue Augen und ein hübsches Antlitz als Rüstzeug fürs Leben mitgegeben hatte. Charlotte überredet ihren Mann, den Arzt und Menschenkundler Franz von Freyer, den Unglückswurm probeweise als Pflegekind aufzunehmen. Plötzlich lebt das Kellerkind in der Beletage, der eleganten Wohnung im 1. Stock in Berlin-Charlottenburg.

Jedoch: das Kellerkind enttäuscht seine Retterin. Es sagt kein Wort. Aber das ändert sich an einem besonderen Tag. Durch das Missgeschick eines Jungen, der täglich die Kohle für die Öfen bringt. Als Gustav bestraft werden soll, meldet sich Amalia erstmals zu Wort ... Von nun an wird Amalia Patzkopp Schritt für Schritt zu einer anderen - zu Amelie von Freyer.

Als Amelie ein Backfisch von knapp 13 Jahren ist und sich zum ersten Mal verliebt, erfährt ihr Leben eine neue Wendung: Die Freyers ziehen in die ostafrikanischen Usambaraberge. Es ist die Zeit, in der das Deutsche Kaiserreich von einem "Platz an der Sonne" träumt, von eigenen Kolonien, wie England und Frankreich sie schon lange haben. Amelie trifft auf der weitläufigen Farm Salama (im Kisuaheli heißt das: die Friedliche) auf den Freund ihres Vaters, Dr. Alfred Wilkening. Der lebt schon seit etlichen Jahren dort und hat eine winzige Buschklinik aufgebaut, in der er die einheimische Bevölkerung mit simplen Methoden behandelt. Und hier entdeckt Amelie ihre wahre Berufung: Sie will Ärztin werden.
Zu der Zeit ein Vorhaben, das ein Mädchen nicht verwirklichen kann. Frauen werden bestenfalls Lehrerin. Zum Medizinstudium sind sie in Deutschland nicht zugelassen. Wohl aber in Zürich. Und dorthin schicken die Freyers ihre eigenwillige Tochter.

1903, mit 24, tritt Amelie in Berlin ein Volontariat an der Berliner Charité an, anschließend darf sie als Assistenzärztin arbeiten. Unentgeltlich. Und sie soll auf Wunsch ihrer Ziehmutter heiraten. Aus Dankbarkeit Charlotte von Freyer gegenüber verlobt sie sich im September 1904 mit einem Arzt. Wenige Monate später stirbt Charlotte. Amelie schiebt die Heirat immer wieder auf, denn ihr künftiger Mann möchte keine Frau, die arbeitet.

Im April 1906 hält Amelie nichts mehr in Berlin: Sie findet keine neue Arbeit und für ein Leben als Mutter und Ehefrau hat sie nicht jahrelang studiert. Sie löst ihre Verlobung. Die Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit zieht sie zurück nach Deutsch-Ostafrika. Und tatsächlich wird sie gebraucht. Im Küstenort Tanga im Krankenhaus des Gouvernements wird ihr eine Arztstelle angeboten. Aber auch ihr Bruder Hanns, der inzwischen die Farm Salama leitet, macht ihr ein verlockendes Angebot: Hanns will ein modernes Buschkrankenhaus bauen, denn Doktor Wilkening kommt in ein Alter, in dem er daran denkt sich zur Ruhe zu setzen. Für die Umsetzung dieser kühnen Pläne fehlt allerdings das Geld.

Da taucht ein Mann auf, den Amelie während der Schiffspassage nach Afrika kennen gelernt hatte: Gottlieb Messingnagel, ein umtriebiger Kaufmann aus Berlin, sucht dringend einen Arzt, der eine Expedition ins Innere Afrikas begleitet. Eigentlich nichts für eine junge Frau - 1906 hält man Frauen für derart empfindliche Wesen, dass man ihnen jeden Schritt unter tropischer Sonne verbietet. Doch für Messingnagel zählt, dass Amelie Mumm in den Knochen hat - und "eine Afrikanerin" ist, also jemand, der sich auskennt.

Es ist ein hartes Jahr, auf das Amelie sich einlässt. Während dieser Zeit begegnet ihr ein Mann wieder, den sie aus den Augen verloren hatte. Der jedoch denselben Traum hatte, den auch Amelie und ihr Bruder Hanns geträumt hatten - Afrika. Es ist Gustav, der einst die Kohlen in die Beletage geschleppt hatte. Gustav treibt weit mehr an als nur ein "Traum". Er ist ein Mann mit Idealen, der in Afrika ebenso helfen möchte wie Amelie. Dazu ist er zum Militär gegangen und hat eine erstaunliche Karriere gemacht: inzwischen ist er die rechte Hand des Gouverneurs. Während der anstrengenden Reise durchs unwegsame Innere Deutsch-Ostafrikas nähern sich Amelie und Gustav einander an und sind, als sie am Tanganjikasee ankommen, ein Liebespaar.

Doch das Leben ist eine Reise voller Abschiede. Amelie muss zurück in die Usambaraberge, Gustav soll eine Mission für den Gouverneur erfüllen. Und Amelie weiß: Wenn Gustav diese Aufgabe erledigt hat, wird ihn eine neue hinausschicken in die Weiten Afrikas. Werden sie jemals zusammen glücklich sein?

Amelies Expedition

1400 Kilometer lang ist die Safari von der Küste des Indischen Ozeans in Daressalam bis nach Ujiji am Tanganjikasee. Und das zu einer Zeit, als man bestenfalls auf dem Rücken von Mauleseln reiste. Als es keine befestigten Straßen gab, keine Brücken über reißende Flüsse, Krankheiten mit simplen Mitteln bekämpft wurden. Etwa 20 Kilometer konnte solch eine mehrere hundert Personen umfassende Karawane pro Tag bewältigen. Wenn nichts dazwischen kam. Endlich am Ziel, nach knapp dreimonatiger Reise, begann die eigentliche Arbeit. Unter einfachsten örtlichen Bedingungen, aber gleichwohl mit der für die damalige Zeit bestmöglichen Ausrüstung. Der unkalkulierbare Faktor Mensch machte Amelies Reise zu einem lebensgefährlichen Unterfangen.




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